Grün investieren
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Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich? Und wie nachhaltig sollen die Finanzprodukte sein, die in dein Depot wandern? Wie sich die Nachhaltigkeitsdebatte auf deinen Banktermin und dein Depot auswirkt.

Solche und ähnliche Fragen müssen Anlageberater seit dem 2. August 2022 ihren Kunden stellen. Und, basierend auf den Antworten, passende Produkte wie Öko-Fonds oder nachhaltige ETFs anbieten. Künftig geht es im Beratungsgespräch außer um Rendite und Risikominimierung also auch um Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung, kurz: ESG (Environmental, Social, Governance). Die Pflicht zur grünen Anlageberatung ist Teil einer Reihe neuer EU-Vorgaben, die seit 2018 schrittweise unter dem Kürzel „MiFID II“ in Kraft treten. Ziel: den Wertpapierverkauf transparenter und das Finanzsystem nachhaltiger zu machen. Das scheint erst einmal eine gute Sache zu sein, oder ?

Ist ein grünes Depot wirklich nachhaltig?

Nachhaltige Investments gewinnen bei Privatanlegern immer mehr an Bedeutung. Laut einer aktuellen Umfrage der Verbraucherzentrale Bremen haben im Jahr 2013 nur fünf Prozent der Befragten nachhaltig investiert, heute hingegen legt bereits jeder fünfte Bundesbürger sein Geld „nachhaltig“ an. Doch was heißt „nachhaltig“ überhaupt?

Noch immer fehlt es an einer einheitlichen Definition. Begriffe wie EU-Taxonomie, Offenlegungsverordnung oder Principal Adverse Impacts (PAI) sollen vor allem Privatanlegern die Einordnung erleichtern. Doch in der Praxis sind sie zu komplex für ein oftmals nur 30-minütiges Beratungsgespräch. Wie grün ein Finanzprodukt tatsächlich ist, ist für Anleger also nur schwer zu beurteilen – und auch Berater bemängeln die fehlende Verfügbarkeit von Daten. Deshalb solltest du dich vorab ausreichend zu informieren!

Geld anlegen und dabei Gutes tun – aber wie? Wir klären die wichtigsten Fragen, die du dir als Anleger schon vor dem Gespräch mit dem Finanzberater stellen solltest

Was bedeutet Nachhaltigkeit für mich?

„Grün“, „klimafreundlich“ oder „nachhaltig“ – diese Begriffe meinen mehr oder weniger das Gleiche, eine Entwicklung, die ökologisch verträglich, ethisch gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig ist, doch sie sind nicht klar definiert. Zwar versucht die Finanzbranche, Privatanlegern die Einordnung mit Siegeln und Ratings zu erleichtern. Diese bieten aber nur grobe Orientierung, nach wie vor fehlen einheitliche Mindeststandards. Auch die EU versucht immer wieder, für Klarheit zu sorgen, welche Finanzprodukte als nachhaltig gelten und welche nicht – zuletzt mit der EU-Taxonomie. Diese EU-Verordnung liefert zwar eine Nachhaltigkeitsdefinition, diese richtet sich aktuell aber nur an Umwelt- und Klimazielen aus – und greift damit lediglich einen Aspekt aus dem Nachhaltigkeitsdreiklang ESG auf. Ob ein Finanzprodukt „nachhaltig“ ist, ist letztlich abhängig davon, was du unter „nachhaltig“ verstehst.

Wie möchte ich Nachhaltigkeit im Depot umsetzen?

Nach der europäischen Finanzmarktrichtlinie (MiFID II) müssen Anlageberater ihren Kunden die Frage stellen, ob sie Nachhaltigkeitskriterien bei Investments berücksichtigen möchten. Falls die Antwort „Ja“ lautet, müssen sie passende Produkte anbieten. Anleger können nach aktuellen Vorgaben zwischen drei Optionen wählen:

Option 1: Hier gilt Vorsicht

Anlage nach EU-Taxonomie. Der Anleger bestimmt, dass ein Mindestanteil in Finanzprodukte im Sinne der EU-Taxonomie fließt. Doch ab Januar 2023 sind laut der Taxonomieverordnung auch Investitionen in Gas und Atomkraft als “klimafreundlich” anerkennt.

Option 2: Grün ist nichtgleich grün

Anlage nach Offenlegungsverordnung. Hier wird ein Mindestanteil in Finanzprodukte im Sinne der EU-Offenlegungsverordnung angelegt. Diese gehört nicht zur EU-Taxonomie, sondern es handelt sich um ein Transparenzgebot: Finanzanbieter müssen ihre Strategien im Umgang mit Nachhaltigkeit offenlegen und ihre Produkte bestimmten Nachhaltigkeitskategorien zuordnen. Davon gibt es genau drei: Bei den sogenannten Artikel-6-Fonds handelt es sich um Fonds ohne jeglichen Nachhaltigkeitsanspruch. Artikel-8-Fonds verfolgen bereits einen gewissen Nachhaltigkeitsansatz: ökologische und/oder soziale Ziele. Sie werden auch als „hellgrün“ oder „ESG-Produkte“ bezeichnet. Fonds, klassifiziert nach Artikel 9, verfolgen eine explizite Nachhaltigkeitsstrategie und sind sogenannte dunkelgrüne oder Impact-Fonds. Die Offenlegungsverordnung berücksichtigt damit ESG-Kriterien, die aktuell noch nicht zur EU-Taxonomie zählen.

Option 3: Waffen, nein, danke!

Rüstungsindustrie? Atomkraft? Nein, danke! Als Anleger hast du die Möglichkeit Finanzprodukte auszuschließen, die negative Auswirkungen auf die Umwelt und/oder Gesellschaft haben – sogenannte „PAI“ (Principal Adverse Impacts). Aktuell gibt es 18 dieser Indikatoren, darunter Treibhausgas-Emissionen, Biodiversität, Wasser, Abfall, die Achtung von Menschenrechten sowie die Bekämpfung von Korruption und Bestechung. Fondsanbieter sind seit März 2021 dazu verpflichtet, transparent zu machen, inwieweit sie Investitionen mit negativen Auswirkungen auf Nachhaltigkeit berücksichtigen.

Was kann ich mit meiner grünen Geldanlage tatsächlich bewirken?

Klar ist: Jede Investition hat einen Effekt. So können Anleger, die sich mit PAI auseinandersetzen, die Negativeffekte auf ESG-Faktoren verringern. Möchten Anleger in Fonds investieren, die vor allem Umweltziele fördern, so bietet die EU-Taxonomie eine gute Orientierung. Es bleibt nur die Frage, ob sich deine Vorstellungen von Nachhaltigkeit, mit der der EU deckt. Deshalb noch einmal einen Appell an dich: Informiere dich selbst, ob die vom Bankberater ausgesuchten Finanzprodukte auch wirklich deinen Nachhaltigkeitsforderungen entsprechen. Die Sigel und Nachhaltigkeitskriterien geben dir keine Garantie, dass sie auch wirklich grün sind. Siegel, Ratings und Referenzsysteme wie EU-Taxonomie, Offenlegungsverordnung und PAI können Orientierungshilfen sein, es fehlt aber noch immer an fundierten ESG-Daten sowie einer einheitlichen Berechnungsgrundlage.

Mein Tipp ist daher: Nimm dir die vom Bankberater vorgeschlagenen Unterlagen zunächst mit nach Hause und überprüfe sie daraufhin auf deren Nachhaltigkeitskriterien.

Außerdem solltest du bei deinem Banktermin auch immer folgendes im Hinterkopf beachten: Der Bankberater verdient natürlich auch was daran, wenn du in die von ihm vorgeschlagenen Finanzprodukte investierst. Eine gute Möglichkeit für dich ist daher, die Finanzprodukte daheim zu überprüfen und dann selbst in diese, die dich überzeugen, zu investieren. Das spart Geld und ist auch sicherer.

Worauf sollte ich im Anlagegespräch sonst noch achten?

Die Entscheidung, ob Rendite oder Nachhaltigkeit, ist längst kein Frage mehr von Entweder-oder. Das belegen auch aktuelle Zahlen: Laut dem Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) belief sich die Gesamtsumme grüner Geldanlagen zum Jahresende 2021 auf über 501 Milliarden Euro. Das waren 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Trotz der grünen Beratungspflicht solltest du als Anleger Kosten, Rendite und Risiko nicht aus den Augen verlieren.

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