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Im Exklusivinterview mit Stepstone CEO Sebastian Dettmers erfährst du, wie viel Geld du in deinem Beruf verlangen kannst, wie du erfolgreich wirst und ob sich der Quereinstieg in eine lukrativere Branche lohnt!

Herr Dettmers, alle suchen händeringend nach guten Fachkräften. Eine gute Position für Arbeitnehmer. Was darf man verlangen, was lieber nicht?

Sebastian Dettmers: Zunächst einmal muss der Bildungsgrad, die Fachrichtung und der Erfahrungshintergrund einer Person überprüft werden. Arbeitnehmer mit einem technischen oder medizinischen Hintergrund verdienen am meisten. Unser aktueller Gehaltsreport 2022 mit Gehalt.de zeigt, dass Ärzte in Deutschland mit Abstand die Spitzenverdiener sind und etwa 78 Prozent mehr verdienen als der Durchschnitt. Dies entspricht einem Bruttomediangehalt in Höhe von 78.300 Euro.

Gehälter 2022: Wo liegen die anderen Berufe?

Der Durchschnitt bekommt im Vergleich dazu nur 44.100 Euro. Nach dieser Berufsgruppe folgen Ingenieure (59.300 Euro), Unternehmensberater (56.379 Euro) und IT-Berufe (56.992 Euro). Neben der Tech- und Finanzbranche sind Jobs in der Halbleiterindustrie sowie Biotechnologie sehr lukrativ. Auch die Pharmabranche gehört zu den Top fünf bestbezahlten Bereichen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Zahlen geben einen guten Richtwert. Allgemein kann man sagen, je größer das Unternehmen, desto höher ist auch das Gehalt. Unsere Auswertung demonstriert, dass Beschäftigte in kleinen Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern 60 Prozent weniger verdienen als Arbeitnehmer in Großkonzernen. Natürlich gibt es auch standortübergreifende und geschlechterspezifische Unterschiede. Denn Arbeitnehmer in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern erhalten im Durchschnitt 42 Prozent mehr Gehalt als Beschäftigte anderer Bundesländer.

Wie wichtig ist ein akademischer Abschluss für das Gehalt?

Sebastian Dettmers: Hier gilt die einfache Regel: Je höher der Abschluss, desto höher ist das Einstiegsgehalt. Derzeit muss man diese Frage aber auch etwas differenzierter betrachten. In Handwerk- und Pflegeberufen gibt es eine sehr hohe Nachfrage nach Personal. In diesen Berufen verdient man immer noch weniger als ein studierter Informatiker beispielsweise, dennoch brauchen wir sie. Dieses Jahr ist das Jahr der Gehaltssteigerungen.

Die Gehälter steigen dieses Jahr um fast fünf Prozent.

Sebastian Dettmers

Wie kommen Sie zu dieser Prognose?

In den zehn Jahren vor Corona (2010 bis 2019) gab es einen jährlichen Anstieg der deutschen Gehälter 2022 um 2,4 Prozent. Der aktuelle Jobboom spielt den Arbeitnehmern in die Karten und führt zu stark ansteigenden Löhnen. Nicht nur der Mindestlohn, der dieses Jahr voraussichtlich um insgesamt knapp neun Prozent angehoben wird, sondern auch die Arbeiterlosigkeit treibt die Gehälter 2022 immer weiter nach oben.

Gehälter 2022: Und wie schafft man es nach ganz oben?

Sebastian Dettmers: Bei einer Firma lange zu bleiben, ist heutzutage ein Auslaufmodell. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich grundsätzlich ein kontinuierlicher Arbeitgeber-, Positions- und Jobwechsel bezahlt macht. Zudem ist es hilfreich, in unterschiedlichen Industrien gearbeitet zu haben. Diese Herangehensweise auf dem Arbeitsmarkt ist für deutsche Arbeitnehmer noch fremd. In den USA und Großbritannien dagegen ist es Usus, seinen Job alle paar Jahre zu wechseln. Der Trend geht also in Richtung Quereinstieg. Dies ist sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer eine großartige Chance und ein Gewinn an Erfahrungswerten. Der derzeitige Fachkräftemangel bietet den Luxus und die Flexibilität, den Beruf und die Branche zu wechseln. Unsere Auswertungen zeigen, dass ein Jobwechsel glücklicher macht. Man wird nur dann erfolgreich sein, wenn man mit Leidenschaft dahintersteht. Deshalb rate ich jedem, das zu machen, was zu einem passt und wofür man brennt.

Und die lukrativsten Branchen sind…?

Quelle: Stepstone Gehaltsreport 2022

Was also wünschen sich Arbeitnehmer?

Sebastian Dettmers: Die Arbeitgeber müssen umdenken, flexibler werden. Neben dem normalen Paket, wie Gehalt, Position und Arbeitszeit spielen noch weitere Kriterien eine wichtige Rolle. Es geht also nicht nur um einen sicheren Arbeitsplatz und ein vernünftiges Gehalt, sondern auch darum wie sich ein Arbeitgeber präsentiert. Fragen, die sich Arbeitnehmer stellen sind folgende: Welche Unternehmenskultur hat dieser Arbeitgeber? Welchen Zweck verfolgt der Konzern und welche Produkte oder Dienstleistungen werden angeboten? Weitere Aspekte, die in die Entscheidung für einen Jobwechsel miteinfließen, sind die flexible Arbeitsgestaltung, der Arbeitsort und der Zusammenhalt im Team. Wir beobachten, dass insbesondere junge Menschen viel Wert auf ein angenehmes und lockeres Arbeitsklima legen. Dennoch stellen wir in unseren Befragungen immer wieder fest, dass das Gehalt ein entscheidender Faktor ist.

Wie können Arbeitgeber ihre Mitarbeiter halten?

Sie müssen sich gezielt positionieren und ihre Werte und Unternehmenskultur offen darlegen. Nur so können sie sich im Wettbewerb von anderen Arbeitgebern abgrenzen und Mitarbeiter für sich gewinnen. Die andere Seite der Medaille, Mitarbeiter zu halten, ist auch keine leichte Aufgabe. Denn hier steht vor allem das soziale Umfeld im Vordergrund. Wie ist mein Verhältnis zum Team, welche Beziehung habe ich zu meinem Chef und welche Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es? Oft sind es genau diese Punkte und eben nicht das Gehalt, die die Menschen dazu bewegen, sich mit der Frage des Jobwechsels auseinanderzusetzen.

Durch die Digitalisierung entstehen neue Arbeitsplätze und alte gehen verloren. Stehen uns rosige Zeiten bevor?

Sebastian Dettmers: In den nächsten Jahren scheiden Millionen von Menschen aus dem deutschen Arbeitsmarkt aus. Fortschritt ist meiner Meinung nach aber immer eine positive Entwicklung. In den letzten zweihundert Jahren sind immer wieder Berufe verschwunden und neue, bessere Möglichkeiten entstanden. Damals musste der Acker noch mit einem Ochsen und einem Pflug bearbeitet werden, heute ist alles vollautomatisiert. Automatisierung und Digitalisierung lösen vor allem repetitive Tätigkeiten ab. Schauen Sie auf die Landwirtschaft. Früher hat der größte Teil der Bevölkerung eine landwirtschaftliche Tätigkeit ausgeübt. Heute sind weniger als ein Prozent der Deutschen in der Landwirtschaft beschäftigt. Zudem entstehen in anderen Bereichen viele neue Arbeitsplätze. Diese sind abwechslungsreicher und bringen auch mehr Geld. Aus der gesamtgesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Perspektive findet dieser Fortschritt also viel zu langsam statt. Statistisch gesehen, steigt die Produktivität pro Kopf kaum an. Hiervon ist vor allem der Dienstleistungssektor betroffen. Wir nutzen die Digitalisierung und den technischen Fortschritt zu wenig. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Menschen in diesem Bereich ausbilden, um erfolgreicher zu werden.

Sie sprechen von Weiterbildung im digitalen Bereich. Kann ein Taxifahrer Big Data Analyst werden?

Sebastian Dettmers: Es ist fatal zu sagen, dass sich 50-jährige Berufstätige heute nicht mehr weiterbilden können. Zudem gibt es noch viele andere Berufsfelder, wie im Gesundheitswesen oder im sozialen Bereich, wo ein großer Mangel an Fachkräften herrscht. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Kurzarbeit. In den ersten Monaten der Pandemie war sie sehr hilfreich. Aber was bedeutet Kurzarbeit eigentlich? Ein früherer Vollzeitbeschäftigter arbeitet nicht mehr und der Staat bezahlt über die Hälfte seines Gehalts. Das Geld sollte in die Weiterbildung dieser Menschen und nicht in die Haltung unproduktiver Berufe investiert werden. Es ist unsere gemeinsame Pflicht über neue Job- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowohl für junge als auch für ältere Menschen nachzudenken und diese voranzutreiben.

Sebastian Dettmers, Stepstone-CEO im Gespräch mit Kleingeldhelden

Gehälter 2022: Wie nachhaltig ist dieser Jobboom?

Sebastian Dettmers: Das Problem der Arbeiterlosigkeit wird uns noch lange auf dem Arbeitsmarkt beschäftigen. Viele Menschen scheiden aus ihren Berufen aus oder können nicht mehr arbeiten. Daher steigt die Nachtfrage nach Arbeit enorm an. Wenn man die Zeit vor der Pandemie im Jahr 2019 mit heute vergleicht, gibt es in den USA über 50 Prozent mehr offene Stellen und eine niedrigere Arbeitslosenquote. In Deutschland sind es 25 Prozent und eine noch niedrigere Arbeitslosigkeit. Diese Zahlen beschreiben die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt sehr gut. Langfristig erleben wir also weiterhin einen Jobboom. Aktuell kostet die Rekrutierung eines LKW-Fahrers genauso viel Geld wie die eines Software-Entwicklers im Silicon Valley.

Was Deutschland noch bevorsteht und wie der Krieg und die Corona-Pandemie den Arbeitsmarkt beeinflusst, erfährst du hier im vollständigen Interview von FOCUS-MONEY.

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Fotoquelle: Photo by Glodi Miessi on Unsplash

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