Wer eine Gruppe von Zehnjährigen vor die Aufgabe stellt, verschiedene Münzen aus dem Gedächtnis zu zeichnen, der wird Folgendes feststellen: Alle von ihnen überschätzen die Größen maßlos, besonders stark ist dieser Effekt bei den Kindern aus ärmeren Elternhäusern. Das zeigt, welchen immensen emotionalen Wert wir schon von klein auf mit Geld verbinden. Aber macht es uns wirklich glücklich – und falls ja, wie viel brauchen wir davon? Die Forschung hat dazu ein paar eindrucksvolle Erkenntnisse gewonnen. Wir stellen uns heute die Frage: Wie viel kostet Glück?

Das Easterlin-Paradoxon 

Der Ökonom Richard Easterlin veröffentlichte 1974 einen Aufsatz, in dem er 30 Umfragen aus 19 Ländern über den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Glück analysierte. Sein Ergebnis: Höhere Einkommen führten zwar kurzfristig zu einer gestiegenen Lebenszufriedenheit, langfristig besteht diese Korrelation aber nicht. Eine mögliche Erklärung dafür liefern die Beobachtungen aus den ärmeren Ländern. Dort verbesserte sich mit anschwellendem Reichtum zunächst das allgemeine Glücksempfinden – der Effekt hielt allerdings nur so lange an, bis das Existenzminimum erreicht war.

Dieses sogenannte „Easterlin-Paradoxon“ brachte zahlreiche kritische Stimmen aus der wissenschaftlichen Community hervor und löste so einen wahren Forschungsboom zu einer zentralen Frage aus: Wo liegt die magische finanzielle Schwelle wirklich, die zu mehr Glück und Zufriedenheit führt? Und gibt es auch eine Obergrenze? Die Frage leutet: Wie viel kostet Glück?

Wann sind die Schwellen erreicht? 

Diesem Thema nahm sich 2018 der amerikanische Psychologe Andrew Jebb an. In seiner Studie wertete er die Daten von 1,7 Millionen Menschen aus 164 Ländern aus. Ihn interessierte, welche Angaben die Probanden dazu gemacht hatten, bei welchem jährlichen Einkommen sie die höchste Lebenszufriedenheit (langfristig) und das höchste emotionale Wohlbefinden (täglich, „Wie fühlen Sie sich gerade?“) verspürten.

Die Durchschnitte variierten deutlich von Nation zu Nation: Das tägliche emotionale Wohlbefinden verbesserte sich in Nordamerika zum Beispiel ab 57.800 Euro und nahm bei 84.500 Euro wieder ab, in Westeuropa empfanden die Teilnehmenden das höchste emotionale Wohlbefinden zwar bei 44.400 Euro, ab einem höheren Einkommen ging das allerdings wieder zurück. Die stärkste allgemeine Lebenszufriedenheit bestand in Nordamerika bei einem Einkommen von circa 93.000 Euro, in Westeuropa bei knapp 89.000 Euro. Weitere aktuelle Studien fanden übrigens heraus, dass die langfristige Zufriedenheit (zumindest in den USA) auch darüber hinaus mit wachsenden Einnahmen stieg. 

Wie viel kostet Glück? Was steckt hinter diesen Werten? 

Jebb und seine Kollegen gehen davon aus, dass die Ursache für das fallende subjektive Wohlbefinden bei einem höheren Gehalt in den damit verbundenen Kosten liegt. Wer besser verdient, der ist oft einer stärkeren Arbeitsbelastung ausgesetzt, hat weniger Zeit für Familie oder Freizeitaktivitäten und trägt mehr Verantwortung. Hinzu kommen weitere Faktoren wie zusätzliche materielle Wünsche, die unerfüllt bleiben, verstärkte soziale Vergleiche oder veränderte Lebensumstände wie mehr Kinder oder das Wohnen in teureren Vierteln. Aber wie lässt sich dann die Feststellung anderer Studien erklären, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit trotz allem mit anschwellenden Einnahmen zunimmt?

Eine potenzielle Begründung ist, dass reichere Menschen eher das Gefühl haben, mehr Kontrolle über ihr Leben ausüben zu können. Geld ist eine soziale Ressource – es verschafft uns die Möglichkeit, Probleme zu lösen und Pläne für die Zukunft zu schmieden. Die Psychologie geht außerdem von einem weiteren wenig beachteten Wirkmechanismus aus: Viele Produkte und Dienstleistungen erwerben wir, weil sie unsere Werte, Ideen oder Persönlichkeit widerspiegeln. Unser Konsum hilft uns also dabei, die eigene Identität zu definieren und auszuleben. Daher macht Geld auch dann glücklicher, wenn wir es für Erlebnisse ausgeben, die dann zu einem Teil unserer Autobiografie werden. Und das wird umso einfacher, je mehr wir auf dem Konto haben. Wie viel kostet Glück? Dies kann man nicht so pauschal beantworten. Doch wir sehen, dass Geld und Glück auf jeden Fall miteinander verbunden sind.  

Autorin: Isabel Schommers 

Fotoquelle: Photo by Elijah Hiett on Unsplash

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