Leon Kerschagel (24) ist ein „Sneakerhead“, ein leidenschaftlicher Anhänger der beliebten Sportschuhe. Gemeinsam mit seinem Cousin Nick ist er im Kauf und Verkauf („Sneaker-Reselling“) tätig und hat unter dem Namen „Sneakersch“ eine eigene Firma gegründet. Im Kleindgeldhelden-Interview spricht er über den Hype um die Schuhe sowie den Sneaker-Markt – und er verrät, ob sich das Geschäft als Alternative zu Aktien-Investments eignet.

Kleingeldhelden: Hi Leon, erst im April wurde ein Paar Nike Air Yeezys für unfassbare 1,8 Millionen US-Dollar bei einer Auktion versteigert. Was ist dein wertvollstes Paar?

Leon Kerschagel: Das ist interessant, denn tatsächlich war mein wertvollster Sneaker auch gleichzeitig der Schuh, mit dem ich zum ersten Mal bewusst Gewinn gemacht habe. Das war 2014, ich habe einen Nike Air Yeezy 2 Red October für 270 Euro eingekauft, etwas später dann für 2500 Euro verkauft. Heute würde ich dafür um die 30 000 Euro bekommen. So gesehen war das das höchste der Gefühle und wahrscheinlich der wertvollste Schuh, den ich je besessen habe.

Kleingeldhelden: Warum liegt im Sneaker-Markt so eine Menge Geld?

Leon: Ursprünglich war das eine reine Sammlerleidenschaft, vergleichbar mit Münzen oder Briefmarken. Für die Erweiterung seiner Sammlung ist man bereit, Geld zu zahlen, so war und ist das mit den Sneakern auch. Nach und nach kamen Prominente aus den USA dazu, die einen regelrechten Hype angefacht haben. Zuerst der NBA-Basketballer Michael Jordan, aber auch der Rapper Kanye West hat nicht nur die Musik- sondern auch die Kleidungsszene geprägt und verändert. Kids haben zu diesen Leuten aufgeschaut und wollten sie nachahmen – die Schuhe gaben ihnen die Möglichkeit, etwas von ihren Helden zu besitzen. Heute steht zum Beispiel der Rapper Travis Scott im Mittelpunkt, der auch mit Nike kooperiert. Ein weiterer Faktor ist, dass die Schuhe oft stark limitiert sind. Das regt die Leute an: Was schwer zu haben ist, will man umso mehr.

Kleingeldhelden: Und wie kommt man an die Schuhe ran?

Leon: Grundsätzlich ist das sehr schwierig geworden. Große Marken oder Händler nutzen inzwischen häufig Verlosungen für das Kaufrecht, man braucht also in erster Linie Glück. Früher musste man noch mehrere Tage vor einem Laden campen, um an ein sehr limitiertes Paar zu gelangen, das ist heute eher die Ausnahme. Online kommt man kaum noch um Bots herum, also Programme, die die Sneaker automatisiert kaufen können. Das ist aber eine Wissenschaft für sich und mit hohen Investitionen von oft mehreren Tausend Euro verbunden.

Kleingeldhelden: Klingt nach einer schwierigen Angelegenheit. Gibt es auch eine Art „Sneaker-Börse“?

Leon: Früher lief das alles über Foren, man konnte kommunizieren, handeln, kaufen, verkaufen. Mit höheren Preisen wurde aber die Frage nach dem Vertrauen immer wichtiger. Über die Foren gab es keinen Käuferschutz und wenn man Pech hatte, ist man an ein gefälschtes Paar geraten. Heute sind Plattformen wie eBay immer noch wichtig, eine Art Revolution gab es aber mit der Firma StockX aus den USA. Die fungiert als Zwischenhändler und authentifiziert die Echtheit der Schuhe. Auch wir bei Sneakersch nutzen hauptsächlich diese Börse. In Deutschland ist Pluggi eine wachsende Sneaker-Plattform.

Leon Kerschagel (links) und sein Cousin Nick Kerschagel verkaufen ihre Sneaker meist online, aber auch wie hier auf einer Sneaker-Messe finden sich viele interessierte Käufer. Foto: Leon Kerschagel

Kleingeldhelden: Wie kamst du auf die Idee, in das Business einzusteigen?

Leon: Durch meine Liebe zu den USA, zum HipHop und zum Basketball habe ich schon seit ich 15 Jahre alt bin ein gewisses Sneaker-Interesse. Das mit dem Handel kam dann nach und nach dazu, weil ich gemerkt habe, dass es für die Schuhe einen gigantischen Markt gibt, der durch die sozialen Netzwerke in den letzten Jahren nochmal erweitert wurde. So habe ich mir anfangs die Schuhe finanziert, die ich selbst tragen wollte. Mit meinem Cousin Nick habe ich mir dann die Arbeit geteilt und wir haben 2018 zusammen ein Gewerbe im Nebenerwerb, also zusätzlich zum Studium, angemeldet.

Kleingeldhelden: Die Schuhe werden also von einem Kleidungsstück zur Wertanlage. Leute sehen ja gar nicht mehr den Schuh an sich, sondern nur noch das Geld, das dahintersteckt, oder?

Leon: Ich würde nicht sagen, dass es nur noch um das Geld geht, sondern auch um einen gewissen Hype und das Statussymbol. Aber klar, das Reselling hat die Sneaker-Kultur verändert. Die meisten Reseller sind trotzdem noch leidenschaftliche Fans. Viele Sneakerheads sind jedoch keine Fans vom Reselling. Den Käufern geht es jetzt nur nicht mehr um den Schuh, den Michael Jordan in einem historischen Basketballspiel getragen hat, sondern um den, den Rapper oder Influencer auf Instagram zur Schau stellen. Dadurch ist die Zielgruppe deutlich jünger geworden. Ein Großteil der Schuhe, die wir in diesem Jahr verkauft haben, waren Kindergrößen. Hersteller wie Nike merken das und wenn ein Hype ins Rollen kommt, wird das voll ausgenutzt, um möglichst viel Profit zu machen.

Kleingeldhelden: Das Business klingt sicherlich für einige interessant, die sich Geld dazuverdienen möchten. Könnte das Reselling sogar eine Alternative zu herkömmlichen Formen der Altersvorsorge sein?

Leon: Es gibt auf jeden Fall Gemeinsamkeiten. Ein gewisses Risiko hat man immer, man kann nie vorhersagen, wie sich der Wert entwickelt. Aber der professionelle Einstieg ist schwierig. Erstmal muss man an die Schuhe kommen, das ist die größte Hürde. Dann kommen logistische Aufgaben wie Buchhaltung und Versand dazu. Wir bei Sneakersch verschicken derzeit rund 50 Pakete im Monat. Außerdem ist es schwierig, den richtigen Zeitpunkt für den Verkauf zu treffen, da hilft uns unsere Erfahrung. Das ist eine weitere Parallele zum Aktienmarkt. Aber das Sneaker-Business ist viel emotionaler. Es geht vor allem um Hype und Nostalgie. Die Schuhe sind ein wichtiges Statussymbol geworden. Für die Altervorsorge würde ich dann doch lieber bei Aktien und ETFs bleiben.

Kleingeldhelden: Wobei sich ja auch langfristig Gewinne einfahren lassen können, wie bei deinem Red October, den du für 2500 Euro verkauft hast. Hast du eine Vermutung, wie sich der Trend in den nächsten Jahren entwickeln wird?

Leon: Die Fanbase für Sneaker gibt es schon seit mehreren Jahrzehnten und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schuhe irgendwann langweilig werden. Die Frage ist eher, wie lange die Leute noch dazu bereit sind, so viel Geld dafür auszugeben. Zurzeit ist der Hype groß, es wird viel auf den Markt gebracht. Auch der Umwelt zuliebe sollten Hersteller darüber nachdenken, die Menge der Produkte zu reduzieren und sie nachhaltiger herzustellen. Eigentlich braucht niemand 100 Paar Sneaker zu Hause. Adidas ist auf einem guten Weg und arbeitet an komplett recycelbaren Schuhen. Ich glaube und hoffe, dass sich der Markt vor allem in diese Richtung entwickelt. Aber der Reiz an Sneakern wird nie verloren gehen.

Interview geführt von: Tim Holzapfel

Fotoquelle: Photo by SoleSavy on Unsplash

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