Deutschland gilt traditionell als Land der Aktienmuffel. Im Corona-Jahr 2020 sind jedoch deutlich mehr Menschen hierzulande an der Börse eingestiegen als in den Vorjahren, wie ein neuer Bericht vom Deutschen Aktieninstitut zeigt. Für den Zuwachs sorgten vor allem junge Anleger.

Erfreuliche Nachrichten für den Aktienstandort Deutschland: Im Jahr 2020 ist die Zahl der Aktionäre in der Bundesrepublik um 2,7 Millionen Menschen gewachsen. Das meldet das Deutsche Aktieninsititut. Insgesamt besitzen damit nun etwa 12,4 Millionen Menschen Aktien oder Aktienfonds, wozu auch ETFs zählen. Damit sind so viele Bundesbürger an der Börse aktiv wie seit 20 Jahren nicht. Jeder sechste Bundesbürger hat damit jetzt Aktien, Aktienfonds und ETFs im Depot.

Aktiensparer in Deutschland. Quelle: Deutsches Aktieninstitut

Gründe für den Aktienboom

Der sprunghafte Anstieg der Aktionärszahl erscheint auf den ersten Blick überraschend. Schließlich gab es wegen Corona im März 2020 den heftigsten Börsencrash seit vielen Jahren. Man sollte meinen, dass das potenzielle Anleger eher verschreckt. Tatsächlich wirkte sich die Pandemie insgesamt eher positiv für den Aktienmarkt aus. “Viele Sparerinnen und Sparer hatten 2020 einfach mehr Zeit und mehr Geld”, analysiert das Deutsche Aktieninstitut. Logisch: Wegen Corona mussten viele Menschen ihre Urlaubsreisen absagen und auf Restaurantbesuche oder Feiern verzichten. Das eingesparte Geld floss offensichtlich auch in Aktien und Aktienfonds.

Hinzu kommt, dass die Geldanlage an der Börse immer einfacher wird. Broker-Apps wie Trade Republic oder Rubarb versprechen einen schnellen und kostengünstigen Einstieg in den Aktienhandel. Dadurch wird die Anlageform für eine größere Zielgruppe attraktiv, die sich zuvor oftmals vor komplizierten Verfahren und hohen Gebühren fürchtete. “Die Aktienanlage hat die Hosentasche erreicht”, schreibt das Aktieninstitut. Ein Faktor sei dabei auch, dass Influencer und Internetforen das Thema Geldanlage für sich entdeckt hätten. Das erklärt, warum Aktien vor allem bei jüngeren Menschen beliebter werden. Gerade in dieser Altersgruppe wächst augenscheinlich das Bewusstsein dafür, dass der private Vermögensaufbau ein wichtiges Standbein für die Altersvorsorge ist.

Vor allem junge Menschen investierten in den Aktienmarkt

Der Trend zeichnet sich in allen Altersgruppen ab. Bemerkenswert ist aber, dass insbesondere junge Menschen die Börse für sich entdeckt haben. Fast 600 000 Deutsche unter 30 stiegen in Aktien und Aktienfonds ein – ein Plus von fast 70 Prozent. In keiner anderen Altersgruppe war der Anstieg größer. Insgesamt sind 2020 rund eine Million Menschen unter 40 zu Aktiensparern geworden. Damit ist nun jeder vierte Aktiensparer in Deutschland unter 40 Jahre alt. 2019 war es nur jede fünfte. Das Aktieninstitut spricht von einem “Jugendboom“.

Die Frage ist nur, wie nachhaltig der Trend sein wird. Das Deutsche Aktiensinstitut sieht große Chancen, aber auch dringenden politischen Handlungsbedarf. “Ziel muss sein, dass noch mehr Bürgerinnen und Bürger die Ertragschancen des Aktienmarktes nutzen, um Vermögen aufzubauen und so für das Alter vorzusorgen”, heißt es in der Studie. Zum Beispiel könnte die Politik dafür Aktien im Rentensystem fest verankern oder steuerliche Anreize für Aktieninvestments setzen. Nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung wird sich die nächste Bundesregierung mit diesen Ideen auseinandersetzen müssen.

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