Nach dem Aufstieg des Bitcoins und Facebooks Plänen für die Digitalwährung Libra überlegen auch mehr und mehr Staaten, ihr Geld zu digitalisieren. Womöglich ist es damit auch in Europa nur noch eine Frage der Zeit. Was ein digitaler Euro für die Bürger bedeuten würde – und wo die Risiken liegen.

Bislang waren die Grenzen in der Finanzwelt klar abgesteckt: Auf der einen Seite standen die digitalen, unregulierten Cyberwährungen wie der Bitcoin. Auf der anderen Seite die traditionellen Währungen unter Aufsicht der Zentralbanken. Doch die Grenze verschwimmt immer mehr. Facebook entwickelt mit Libra eine virtuelle Währung, die an Dollar oder Euro gekoppelt sein soll. Das sozialistisch regierte Venezuela hat als erster Staat eine Kryptowährung als offizielles Zahlungsmittel eingeführt. Und die schwedische Zentralbank testet seit diesem Jahr eine eKrona.

Bleibt die Frage: Könnte es denn bald auch einen digitalen Euro geben?

Digitaler Euro: Die EZB ist noch in der Forschungsphase

Noch gibt sich die Europäische Zentralbank, die für die Geldpolitik im Euroraum zuständig ist, zurückhaltend. Die neue EZB-Chefin Christine Lagarde hat sich in der Vergangenheit zwar positiv über Digitalgeld geäußert und lässt das Thema in Arbeitsgruppen erforschen. Doch manchen reicht das nicht aus. Der IT-Branchenverband Bitkom warnt davor, dass Europa bei der Entwicklung digitaler Währungen international abgehängt wird und fordert, das Tempo bei der Erprobung eines digitalen Euro deutlich zu erhöhen. Auch aus der Wissenschaft wird der Ruf nach Innovationen lauter: angeführt von Prof. Dr. Philipp Sandner, der das Blockchain-Center an der Frankfurt School of Finance & Management leitet (FSBC), veröffentlichte eine Reihe von Ökonomen im Juni einen offenen Brief, in dem sie die Europäische Zentralbank und die Euro-Staaten auffordern, einen Fahrplan für einen “digital programmierbaren Euro” bis 2024 vorzulegen.

So könnte es theoretisch funktionieren: Die EZB stellt jedem Bürger ein Konto zur Verfügung, auf dem die digitalen Euros verwahrt sind. Also eine Art Wallet, wie man es schon von anderen Kryptowährungen kennt. Bezahlen könnte man dann ganz einfach per Smartphone.

Vorteile eines digitalen Euros

Ein digitaler Euro hätte so einige Vorteile. Wir leben in einer Welt, in der immer mehr Zahlungen online getätigt und abgewickelt werden. Komplette Wertschöpfungsketten werden digitalisiert. Im sogenannten Internet der Dinge werden künftig sogar Autos oder Maschinen ganz automatisch Transaktionen durchführen. Gleichzeitig wächst in der neuen Plattformökonomie die Marktmacht von Digitalgiganten aus den USA und China wie zum Beispiel Amazon oder Alibaba.

In dieser Welt könnte eine zentrale Digitalwährung eine entscheidende Rolle in der Finanzarchitektur spielen. Die USA und China schlafen bei der Entwicklung virtueller Währungen nicht und könnten diese nutzen, um ihren Einfluss weltweit auszuweiten. Will Europa nicht zwischen den Supermächten zerrieben werden, sollte es einen eigenen Lösungsansatz vorantreiben. Der Bankenverband stuft Digitalgeld daher als eine “Innovation mit bedeutendem Potenzial” ein. Ein wettbewerbsfähiges Zahlungssystem könne jedoch nur auf einem einheitlichen Standard und einer einheitlichen Währung basieren, heißt es weiter. Das heißt: dem Euro, der schon heute zu den Leitwährungen der Welt zählt.

Zugleich könnte ein digitaler Euro die Kosten für Transaktionen senken. Davon würden Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen profitieren. Zugleich dürfte durch eine sichere, stabile und einheitliche Digitalwährung der Komfort für die Nutzer steigen. Dadurch würden mehr Menschen Vertrauen ins bargeldlose Bezahlen gewinnen.

Risiken beim digitalen Euro

Es gibt jedoch auch Risiken beim digitalen Zentralbankgeld. Weil es bisher kaum Erfahrungen mit Digitalwährungen gibt, sind die Auswirkungen einer virtuellen Zentralbankwährung auf die Finanzstabilität unsicher. Zudem wären da natürlich der Datenschutz und die IT-Sicherheit. Ein digitaler Euro kann gewiss nur auf der Basis einer absolut sicheren technischen Infrastruktur funktionieren. Sonst wäre die Gefahr von digitalen Raubzügen und Betrügereien groß.

Manche Menschen befürchten durch die Einführung von Digitalwährungen ein Ende des Bargelds. Gerade die Deutschen sind da sehr sensibel. Doch dieses Szenario scheint noch auf sehr lange Zeit gesehen unrealistisch. Wahrscheinlich würde auch die EZB einen digitalen Euro zunächst parallel zum Bargeld ausgeben. Die Revolution des Geldes, so viel ist sicher, wird wohl in mehreren Etappen erfolgen.

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