Zugegeben, Bilanzen von Unternehmen wirken auf den ersten Blick ziemlich kompliziert – und sind es auch auf den zweiten. Trotzdem kann man mit einigen Grundlagen schon einen guten Überblick über das Zahlenwirrwarr bekommen. Wir geben dir Tipps, um eine Bilanz lesen zu können.!

Eine Bilanz lesen

Wer in Aktien investiert, muss sich auch mit den Unternehmen auskennen, in die er da gerade Geld steckt. Dabei kann es helfen, sich nicht nur durch einige Zahlen zu wühlen, die auf diversen Finanzportalen zu lesen sind, sondern tatsächlich einen Blick in die Jahresbilanz der Firma selbst zu werfen. Dort kann man schon meist sehr genau erkennen, wie es dem Unternehmen der Wahl ergeht – und eventuelle Schwankungen besser vorhersehen als viele Menschen, die bei Bilanz nur Bahnhof verstehen.

Auch wer selbst ein Unternehmen gründen möchte, der wird eher früher als später mit dem Thema Bilanzen in Berührung kommen, die auch für die dann fällige Steuererklärung eine gewichtige Rollen spielen. Auch dafür ist es wichtig, eine Bilanz lesen zu können.

In beiden Fällen bleibt aber dennoch die Hürde, sich mit den Begrifflichkeiten und Zusammenhängen einer Bilanz auseinanderzusetzen, um sie wirklich zu verstehen. Vielen Menschen raucht allein bei der Vorstellung der Kopf. Dabei ist ein Anfang schnell gemacht und das Grundgerüst einer Bilanz auch gar nicht so schwer zu verstehen. Immerhin wurde die Buchführung schon im 14. Jahrhundert entwickelt und Menschen haben schon damals – ohne Internet – verstanden, was Sache ist.

Wer tiefer in die Materie einsteigen will, dem sei übrigens das Buch “Wie man eine Bilanz richtig liest” von Reinhold Gagel empfohlen. Schön an der Lektüre ist, dass Gagel in verständlicher Sprache alle Phasen einer Unternehmensgründung mit einer beispielhaften Musterbilanz begleitet, die Interessierte immer mitrechnen können und sich so nicht nur durch trockenes Finanzdeutsch quälen müssen. Jetzt aber wieder zurück zu unserem Einstieg.

Bilanz kommt von Waage

Okay, der Wortstamm mag nicht ähnlich klingen, aber das Wort Bilanz stammt tatsächlich vom italienischen Bilancia, was übersetzt eben Waage bedeutet. Und wer sich das Grundkonzept der Bilanz anschaut, der wird schnell verstehen, warum sich hier vieles die Waage hält. Bilanz ist eine Umschreibung für die zahlenmäßige Darstellung von Vermögenswerten auf der einen und Kapital sowie Schulden auf der anderen Seite. Mit der Bilanz kann man die finanzielle Lage einer Firma zum Ende einer Periode oder zu einem beliebigen Zeitpunkt während eines Jahres feststellen. In der Bilanz werden alle Vorgänge oder Transaktionen von der Buchhaltung erfasst. Diese zwei Seiten einer Bilanz lassen sich natürlich auch noch genauer beschreiben.

Aktiva und Passiva – die zwei Seiten einer Bilanz lesen

Wie die Waage besteht auch die Bilanz aus zwei Seiten: Aktiva und Passiva. Auf der Aktivseite befinden sich dabei alle Vermögenswerte, die dem Unternehmen gehören. Hier wird wieder unterschieden zwischen Anlagevermögen wie Firmengebäuden, Autos oder Maschinen und Umlaufvermögen in Form von Bankvermögen. Beim Anlagevermögen kann sogar noch einmal unterschieden werden, ob es sich um materielle oder immatrielle Güter handelt. Unter immatrielle Güter versteht man zum Beispiel Lizenzen beziehungsweise Patente, die zum Vermögensbestand gehören. Das Anlagevermögen ist so als Kernstück der Aktiv-Seite zu betrachten. Und es ist hauptverantwortlich für die Umsätze, die im Unternehmen erwirtschaftet werden. Maschinen und Patente sind langfristige Investitionen, die nicht wie das Umlaufvermögen sofort liquidierbar sind.

Zurück zu unserem Bild der Waage. Der Aktivseite auf der linken Seite steht die Passivseite auf der rechten Seite gegenüber, die für Posten der Kapitalherkunft vorgesehen ist. Hier stehen also unter anderem Kapitalgeber wie Investoren, die die Maschinen auf der Aktivseite bezahlen. Unterteilt werden Passiva in Eigenkapital und Fremdkapital. Unter Eigenkapital versteht man das tatsächliche Vermögen des Unternehmens, also das Kapital, dass der Firma wirklich zur Verfügung steht. Berechnet wird es durch das Vermögen der Aktivseite minus dem Fremdkapital. Unter den Punkt Fremdkapital fallen wiederrum Verbindlichkeiten und Darlehen. Nimmt die Firma also einen Kredit für Arbeitsmaschinen im Wert von 50.000 Euro auf, landen die Maschinen samt Wert auf der Aktivseite, die 50.000 von der Bank geliehenen Euro landen gleichzeitig auf der Passivseite beim Fremdkapital.

Und so kommt das Bild von der Waage beim Bilanz lesen zum Vorschein: Die Vermögenswerte der linken Seite halten sich mit dem zur Verfügung gestelltem Kapital der rechten Seite das Gleichgewicht.

Eine der wichtigsten Kennzahlen der Bilanz: Die Eigenkapitalquote

Zum Abschluss wollen wir noch eine Kennzahl der Bilanz anschauen, die vielen Investoren dazu dient, die finanzielle Situation einer Firma einzuschätzen: die Eigenkapitalquote. Investieren sollte man nur in Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von mindestens 30 Prozent. Ansonsten setzt man sein Geld einem großen Risiko aus. Denn weniger als 30 Prozent Eigenkapitalquote bedeuten im Umkehrschluss, dass mindestens 70 Prozent der Passivseite auf Fremdkapital zurückzuführen sind. Vermögenswerte wie Arbeitsgeräte werden also zu einem großen Teil über Kredite finanziert und es steht nur wenig “eigenes” Geld zur Verfügung.

Und wie berechnet man jetzt die Eigenkapitalquote aus einer Bilanz heraus? Ganz einfach. Man teilt das Eigenkapital der Firma durch das Gesamtkapital, auch Bilanzsumme genannt und multiplizierst das Ergebnis mit 100. Fertig. Auch hier kann es Ausnahmen geben, warum eine Eigenkapitalquote niedrig ist und die Firma dennoch eine positive Entwicklung nehmen kann (höheres Fremdkapital, längere Kreditlaufzeiten), für den Anfang sind die 30 Prozent aber ein guter Richtwert.

Fazit: Wer das Prinzip der Waage beim Bilanz lesen verstanden hat, der ist schon ein gutes Stück weiter und kann erste Berechnungen über die Liquidität eines Unternehmens treffen. Von hier aus tiefer in die Materie einzusteigen, kostet Zeit, da es bei der Erstellung der Finanzsumme viele Feinheiten gibt. Mit dem Grundkonzept in der Tasche ist der Weg aber nur halb so schwer. Und:Die Menschen vor 500 Jahren haben es auch hinbekommen.

Fotoquelle: Photo by Ben White on Unsplash

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