Auf einen insolventen Skandalkonzern folgt ein umstrittenes Start-Up in der ersten deutschen Börsenliga: Heute wird Delivery Hero für Wirecard in den DAX aufrücken. Anlegerschützer sehen die Rochade kritisch.

Für Delivery Hero ist der Aufstieg in den DAX der vorläufige Höhepunkt einer ungebrochenen Wachstumsgeschichte: 2011 wurde der Lieferdienst in Berlin gegründet. Anfangs waren 30 Mitarbeiter dabei, studentische Aushilfen tippten damals noch von Hand eingescannte Speisekarten ab. Heute hat das Unternehmen mehr als 12 000 Mitarbeiter, die meisten davon sind Fahrradkuriere, die online bestelltes Essen an Kunden liefern. Die Nachfrage wächst insbesondere seit Ausbruch der Corona-Pandemie stark: Im ersten Quartal 2020 steigerte Delivery Hero seinen Umsatz um fast 93 Prozent auf 515 Millionen Euro. Die Erwartungen von Investoren sind entsprechend hoch: Seit dem Börsengang 2017 hat sich der Aktienkurs auf aktuell 96 Euro beinahe vervierfacht.

Delivery Hero im DAX: Wachstum geht bislang vor Gewinn

Nach Deutsche Wohnen rückt mit Delivery Hero ein weiteres Unternehmen mit Sitz in der deutschen Hauptstadt Berlin ins Börsenoberhaus auf, wenngleich Delivery Hero sein Deutschlandgeschäft 2018 für rund eine Milliarde Euro an den niederländischen Konkurrenten Just Eat Takeaway verkaufte.

Es gibt aber auch Schattenseiten: In seiner Firmengeschichte hat Delivery Hero bislang nie einen operativen Gewinn erzielt. Und geht es nach Firmenchef Niklas Östberg, dürfte Wachstum mittelfristig weiterhin Vorfahrt vor Gewinn haben. “Wir sind später als Amazon und Google gestartet und können deswegen nicht nur organisch wachsen, sondern müssen unser Wachstum über signifikante Investitionen stemmen”, erklärte der Mitgründer jüngst der Nachrichtenagentur Reuters.

Gerade wegen dieser Geschäftsphilosophie sehen Anlegerschützer den Aufstieg des Start-Ups in den DAX allerdings skeptisch. „Das ist zwar auf Basis der aktuell gültigen Kriterien eine logische, aber trotzdem keine gute Entwicklung – weder für die Anleger noch für die betroffenen Unternehmen und auch nicht für den Index selbst“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler. Vor der Aufnahme in den obersten deutschen Börsenindex sollten Aktiengesellschaften erst beweisen müssen, dass ihr Geschäftsmodell langfristig trägt, betont der Anlegervertreter.

Kritik von Anlegerschützern: Unternehmen müssen sich erst nachhaltig beweisen

Die DSW fordert von der Deutschen Börse künftig strengere Kriterien, um die Kapitalmarktreife von Firmen festzustellen. Dazu gehöre unter anderem eine gute Unternehmensführung. „Auch der Beleg, dass das Unternehmen in den letzten drei Jahren vor der Aufnahme in das Oberhaus der deutschen Aktiengesellschaften zumindest einmal einen Gewinn ausweisen konnte, wäre aus unserer Sicht nicht zu viel verlangt“, sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler. Die reine Fokussierung auf Marktkapitalisierung bei der Betrachtung von Kandidaten greife zu kurz, kritisiert der Anlegerschützer.

Hintergrund der vorzeitigen Neuordnung im DAX ist die Insolvenz des Zahlungsdienstleisters Wirecard. Das Unternehmen aus Aschheim wurde 2018 von der Deutschen Börse in den Index der 30 wertvollsten börsennotierten Unternehmen in Deutschland aufgenommen. Zu den entscheidenden Aufnahmekriterien zählen bisher vor allem der Börsenumsatz und der Streubesitz der Aktien. Im Juni 2020 wurde bekannt, dass Wirecard Investoren und Anleger mutmaßlich über Jahre hinweg mit gefälschten Bilanzen getäuscht hatte. Danach stürzte der Aktienkurs von mehr als 100 Euro auf aktuell nur noch knapp über ein Euro ab. Nach Ansicht einigiger Kommentatoren wird die Wirecard-Affäre dafür sorgen, dass das Vertrauen der Deutschen in Aktien als Geldanlage schwindet.

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