Unser Leben wird immer teurer. Denn die Inflation steigt. Wissenschaftler sagen jetzt, dass die wirkliche Teuerung falsch berechnet wird. Und sie haben einen Gegenvorschlag: Den Chili-con-Carne-Index. Aber was hat denn Chili mit unserem Geld zu tun?

Der Ausbruch des Covid-19-Virus hat tiefgreifende Veränderungen im öffentlichen und privaten Leben nach sich gezogen. Durch Hygienevorschriften, Kontaktverbote, Laden- und Grenzschließungen hat sich auch nicht zuletzt das Konsumverhalten der Menschen während der Pandemie stark gewandelt.

So fallen beispielsweise Kino- und Restaurantbesuche ins Wasser. Aber auch Fußballtraining oder Fitnessstudio. Zudem wurden die Menschen, zum Beispiel mit Hashtags auf sozialen Medien wie #StayHome, animiert zu Hause zu bleiben und teils reihenweise ins Home Office geschickt, was natürlich weniger Ausgaben für Transport- und Spritkosten bedeutet. Und auch in Zukunft werden das Home Office und die Einschränkungen des öffentlichen Lebens sicherlich nicht so schnell wegfallen.

Stattdessen hamstern die Menschen Nahrungsmittel, Klopapier und andere Hygiene- und Drogerieartikel fast schon hysterisch.

Falsche Inflationsrate?

Die Crux des Ganzen liegt nun in der Preissteigerung eben dieser Produkte, beziehungsweise der daraus resultierenden Inflation. Diese berechnet die Europäischen Zentralbank nämlich generell mit einem exemplarischen Warenkorb aus einem Querschnitt von Gütern und Dienstleistungen, basierend auf Daten aus der Vergangenheit. Da momentan aber eben andere Güter und Dienstleistungen in Anspruch genommen werden als zuvor, weicht die berechnete Inflation von der tatsächlichen Preissteigerung ab.

Die Europäische Zentralbank trifft nun aber ihre geldpolitischen Entscheidungen basierend auf der errechneten Inflationsrate. Deshalb befürchten Wirtschaftsforscher der Universität Hohenheim, dass es wegen der Differenz zwischen der von der EZB eher gering geschätzten Inflation zur realen Preisentwicklung zu falschen Entscheidungen in der Geldpolitik kommen könnte. Wenn die EZB ihre expansive Geldpolitik, ungeachtet der Preissteigerung von einigen Produkten wie Lebensmitteln, fortsetzt, könnte es zu einer ungewollt höheren Inflation kommen, so die Wissenschaftler.

Der Chili-con-Carne-Index

Diese Diskrepanz zwischen der Inflationsrate und der tatsächlichen Preisentwicklung haben die Hohenheimer Wissenschaftler nun durch den sogenannten Chili-con-Carne-Index veranschaulicht. Dieser Index betrachtet die Preise von etwa 70 gängigen Zutaten für das allgemein beliebte Gericht Chili con Carne. Dabei schauten sich die Wissenschaftler die Webseiten von fünf der größten Supermarktketten Europas an. Das Chili-Gericht taugt gut zur Veranschaulichung. Denn besonders Lebensmittel sind im Vergleich zur von der EZB berechneten Inflationsrate von 0,7 Prozent maßgeblich im Preis gestiegen. Dies zeigt die Preissteigerung des Gerichts von 7,5 Prozent im Zeitraum von Anfang Februar bis Ende Mai.

Neben dem für Verbraucher anschaulichen Chili-Beispiel haben die Forscher auch die Preise von ca. 30.000 weiteren Lebensmitteln betrachtet. Diese werden, auf das Jahr gerechnet bis zu 3,8 Prozent mehr kosten. Das ist zwar ein geringerer Wert als beim Chili, aber dennoch deutlich über dem von der EZB verwendeten Wert liegt.

Das bedeutet konkret, dass bei gleichbleibender Preisentwicklung allein bei den Lebensmitteln die durchschnittlichen Jahresausgaben für einen Haushalt von 4218 Euro auf etwa 4380 Euro ansteigen, also knapp 160 Euro mehr. Und das nur für Nahrungsmittel.

Die Ursachen dieser drastischen Preisentwicklung von Lebensmitteln liegen einerseits in der höheren Nachfrage der Privathaushalte und andererseits am geringeren Angebot, durch verzögerte Lieferketten oder bei frischen Produkten den Entfall von Erntehelfern aus dem Ausland.

Achtet die EZB auf das Chili?

Es ist nun aber schwer einzuschätzen, ob die EZB wegen des veränderten Konsumverhaltens oder der Preissteigerung ihre Geldpolitik maßgeblich in eine andere Richtung senken sollte, um einer etwaigen Inflation vorzubeugen. Der Grund dafür ist, dass es schwierig ist Prognosen über die weitere Entwicklung der Preise zu treffen, da diese hauptsächlich vom Verlauf der Krise abhängen.

Dennoch sollte jeder das Plädoyer der Wirtschaftswissenschaftler, das veränderte Konsumverhalten bei geldpolitischen Entscheidungen zu berücksichtigen, sehr ernst nehmen. Denn auch so bemerken die Deutschen schon lange die schleichende Geldentwertung.

So könnte also tatsächlich ein so banal erscheinendes Chili con Carne die gesamte Wirtschafts- und Finanzwelt beeinflussen. Übrigens: Die Uni Hohenheim möchte bis zum Ende des Monats Juli eine erneute Erhebung des aktuellen Stands des Chili-con-Carne-Index veröffentlichen. Die Wissenschaftler erwarten dabei einen Preisrückgang für die deutschen Waren – vor allem durch die Mehrwertsteuersenkung.

Fotoquelle: Photo by Calum Lewis on Unsplash

Co-Autor: Leonhard Schubert

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