Müssen Anleger ihre Strategien durch die Krise massiv ändern? Welche Unternehmen, Branchen und Länder könnten profitieren und von welchen sollten Anleger besser die Finger lassen? Der Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, Dr. Ulrich Stephan, verrät, wie Anleger nun vorgehen, wie lange die Krise noch andauern kann und was sich neben Aktien noch für das Depot eignen könnte.

Kleingeldhelden: Herr Dr. Stephan, über die aktuelle Krise wurde schon viel berichtet. Wir wollen den Blick aber nicht nach hinten richten, sondern nach vorne. Wie sehen Sie die Börse im Herbst 2020?

Dr. Ulrich Stephan: Beim Blick nach vorne bin ich gleichzeitig optimistisch und pessimistisch. Zwar haben die jetzt ergriffenen Maßnahmen der Zentralbanken und Regierungen das Potenzial, die Weltkonjunktur zu drehen. Und im zweiten Quartal sollte die Talsohle durchschritten werden. Die anziehende Wirtschaft ist gut für den Aktienmarkt und insbesondere für Zykliker. Damit sind Roh- und Grundstoffe sowie Industrie und IT-Hardware gemeint. Aber unglücklicherweise ist 2020 ein US-Wahljahr und schon jetzt verschärft Donald Trump die Rhetorik gegenüber China. Flammt der Handels- und Technologiekonflikt wieder auf, werden die Aktienmärkte darunter leiden. Schließlich spricht Donald Trumps Coronavirus-Berater Anthony Fauci bereits von einem möglichen zweiten Lockdown im Herbst. Sie sehen, es ist heutzutage möglich, Optimist und Pessimist zugleich zu sein.

Wird sich unsere Wirtschaft durch die Corona-Krise massiv wandeln?

Die meisten Epidemiologen, Ökonomen, Soziologen und Politologen gehen von nachhaltigen Veränderungen aus. Dieser Einschätzung schließe ich mich an. Allerdings hat die Geschichte gezeigt, dass viele Gesellschaften auch nach großen Schocks schnell zur Normalität zurückgekehrt sind. Wir werden sehen, ob das Coronavirus das zulässt. Ich erwarte, dass die Abstands- und Hygieneregeln im öffentlichen Raum anhalten werden, wenn auch nicht so strikt wie aktuell. Außerdem hat die Corona-Krise der Digitalisierung und dem mobilen Arbeiten einen deutlichen Schub gegeben, ebenso wie der Strukturwandel in Problemindustrien, die sich stärker auf Klimaschutz einstellen müssen. Diese Effekte werden fortdauernd sein. 

“Die Krise beschäftigt uns noch bis 2022.”

Welche Unternehmen, welche Branchen, welche Länder dürften gestärkt aus der Krise hervorgehen?

Ich setze auf Unternehmen mit einer hohen Marktkapitalisierung (Large Caps), die fundamental gut aufgestellt sind. Schließlich haben wir es mit der schwersten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression im Jahr 1929 zu tun. Bei den Branchen hat sicherlich Big Tech die besten Chancen, also zum Beispiel US-amerikanische Technologie-Unternehmen oder ihre asiatischen Pendants. Die zunehmende Digitalisierung wirkt sich hier bereits positiv aus. Außerdem ist auch die Gesundheitsbranche der nächste große Wachstumssektor. Durch den demographischen Wandel und die weltweit wachsende Mittelschichten galt das aber auch schon vor der Corona-Krise. Grundsätzlich glaube ich, dass Länder mit dem besten Krisenmanagement und flexiblen Gesundheitssystemen gestärkt aus der Krise hervorgehen werden. Für mich gehören da Südkorea, Australien und auch Deutschland dazu.

Und was denken Sie, wie lange die Krise die Börsen noch beschäftigen wird?

Diese Krise wird uns inklusive Spätfolgen noch länger beschäftigen. Was die Unternehmensgewinne angeht, dürfte das noch mindestens bis 2022 der Fall sein. Das gilt insbesondere für unterschiedliche Sektorentwicklungen. Ich sehe die Sektoren Health Care und Technologie positiv, aber die Tourismus- und Energie-Branche eher negativ.

Auf welche Anlagestrategien sollten Anleger nun setzen? 

Trotz oder gerade wegen der vielfältigen Risiken sind Aktien interessant, weil die zu erwartenden Renditen höher sind – insbesondere im Vergleich zu Anleihen. Denn Rentenpapiere haben zwei Probleme: immer noch geringe laufende Verzinsungen und Kursverluste bei Zinsanstiegen.

Angesichts der hohen Staatsdefizite im Zuge von Konjunkturprogrammen und der massiven Ausweitung der Geldbasis durch die Zentralbanken warnen Kritiker schon länger vor einer unmittelbar drohenden Inflationsgefahr. Die Coronakrise beschleunigt zudem eine Entwicklung, die bereits seit längerem im Gange ist: Unternehmen sehen sich veranlasst, ihr Geschäftsmodell globaler Lieferketten neu zu bewerten. Auch diese könnte die Inflation noch verstärken. In diesem Umfeld sollten Anleger eher auf eine aktienlastige Anlagestrategie setzen, mit Fokus auf Risikomanagement und variabler Steuerung der Aktienquote.

“Es ist besser, regelmäßig kleine Summen anzulegen.”

Sind Rohstoffe, Gold, Bitcoin, Immobilien aktuell echte Alternativen zum Aktienmarkt?

Echte Alternativen zu finden ist nicht einfach. Rohstoffe können großen Gegenwind erfahren, wie die Ölmarktverwerfungen eindrucksvoll illustriert haben. Hier sind große integrierte Ölunternehmen interessanter als Direktinvestments in Öl, weil sie sich in der anstehenden Konsolidierung der Branche voraussichtlich durchsetzen werden.

Und Gold ist bei der Deutschen Bank ein fester Bestandteil des empfohlenen Portfolios geworden. Denn ein Großteil der Staatsdefizite wird wohl in den kommenden Jahren über die Druckerpressen der Notenbanken finanziert werden müssen. Dann könnte sich der Goldpreis zu ungeahnten Höhen aufschwingen.

Vorsicht ist bei Immobilien geboten. Denn diese könnten kurzfristig Preisrückgänge verzeichnen, eine Folge der Weltwirtschaftskrise. Mittelfristig sollte die Konjunktur aber anziehen und die Immobilienmärkte stabilisieren. Da die Anleihemärkte derzeit unattraktiv sind, übernehmen Immobilien eine prominentere Rolle bei der Absicherung des Gesamtportfolios.

Aus meiner Sicht eignen sich Kryptowährungen wie Bitcoin aufgrund der hohen Preisschwankungen nicht für Privatanleger, die langfristig ein Vermögen aufbauen wollen. Zwar ist die dahinter stehende Technologie der Blockchain erfolgversprechend, die Anlageklasse jedoch hoch spekulativ und außerdem aus regulatorischer Sicht problematisch.

Wie vermeiden Anleger, gute Einstiegskurse zu verpassen ohne gleichzeitig in eine Bärenmarktrallye zu tappen?

Wer sein Kapital auf einen Schlag in Aktien investiert, kann niemals sicher sein, den optimalen Zeitpunkt zu treffen. Daher ist es oft besser, regelmäßig eine kleinere Summe anzulegen. Anleger, die unabhängig von der Marktentwicklung diszipliniert kaufen, erzielen auf Dauer günstige Durchschnittskosten – und das Timing wird zur Nebensache. Meiner Meinung nach sind Fondssparpläne das optimale Instrument für eine solche Strategie.

Fotoquelle: Photo by Timo Wagner on Unsplash

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