Während die Wirtschaft gerade am Boden liegt, Millionen Menschen in Kurzarbeit oder gar arbeitslos sind und die Volkswirtschaften dieser Welt harte Einbußen hinnehmen müssen, steigen die Börsen nach dem Corona-Crash unaufhaltsam weiter. Wie kann das sein? Und wie lange geht das noch so weiter?

Wie stark schrumpft die Wirtschaft noch?

Es ist klar, dass die Wirtschaft auf der Welt durch den Lockdown infolge des Corona-Virus schrumpft. Wenn Menschen nicht arbeiten oder konsumieren können, sinkt die Wirtschaftsleistung. Wie stark das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den einzelnen Ländern abnimmt, unterscheidet sich natürlich stark. Die Gründe dafür sind die Dauer des Lockdowns, die Härte der Maßnahmen und wie die Wirtschaft aufgestellt ist.

Dazu sagt der Chefanlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden. Dr. Ulrich Stephan, in seinem Podcast: „Eine wirtschaftliche Katastrophe droht uns. Das wissen wir aber. Die Zahlen überraschen nicht wirklich. Der Markt erwartet das und hat das eingepreist.“

Für Europa zeigt sich somit, dass die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal laut Eurostat um 3,8 Prozent einbrach. In Deutschland soll der Rückgang “nur” 2,2 Prozent betragen. Doch die meisten Experten erwarten, dass das zweite Quartal deutlich schlimmer wird. So sagt auch Dr. Ulrich Stephan: „Wir werden ein ziemlich verheerendes zweites Quartal sehen. Die Zahlen pendeln um 10 Prozent weniger BIP. Das kann auch bis zu minus 20 Prozent gehen, für Länder, die besonders vom Shutdown und vom Tourismus betroffen sind.“

Dennoch stiegen die Börsen in vielen Staaten bereits wieder deutlich an. Den meisten Märkten war gemein, dass sie zwischen dem 18. Februar und etwa dem 18. März stark fielen. Seitdem setzte eine starke Gegenbewegung ein. Aber wie passt das mit der sinkenden Wirtschaftsleistung zusammen?

Warum steigen dann die Börsen?

Zur Veranschaulichung: Der Dax stürzte zu Beginn der Virus-Krise an den Börsen von 13.704 Punkten innerhalb von vier Wochen um 38 Prozent auf 8.463 Punkte. Von diesem Tief Mitte März erholte sich der deutsche Leitindex widerum bereits bis zum 27. Mai auf 11.725 Punkte. Damit notiert der Index mit Deutschlands 30 größten börsennotierten Unternehmen nur noch rund 14 Prozent unter dem Niveau von vor der Krise.

Dahingegen konnten Technologie-Indizes wie der TecDax oder der Nasdaq100 in den USA bereits fast alle Verluste wieder wett machen. Zum Beispiel der wichtigste Technologie-Index der Welt, der amerikanische Nasdaq100 schaffte es, seine starken Verluste wieder aufzuholen. Der Index notiert nur noch 2,4 Prozent unter seinem Hoch aus dem Februar.

Dieses Bild zeigt sich am gesamten Markt: Technologie-Aktien waren die Gewinner der Krise, aber auch insgesamt erholten sich Aktien bereits stark. Zum einen hat das damit zu tun, dass die Gesundheitskrise nun doch weniger stark ausfiel und weniger lange dauerte, als viele Experten dachten.

Und Dr. Ulrich Stephan sagt: „Der Markt guckt auf die Gewinnsituation in der Zukunft. Wir gehen davon aus, dass die Gewinne jetzt stark nach unten korrigiert wurden und die sehr schlechten Gewinne für das zweite Quartal mittlerweile eingepreist sind.“

Die Börse handelt also immer die Zukunft. Und hier weiß man mittlerweile ungefähr, wie die Zahlen erstmal ausfallen werden. Sollten die Gewinne doch schlechter ausfallen oder länger niedrig bleiben, könnten die Börsen auch wieder nach unten korrigieren. Zudem fluten die Notenbanken die Märkte mit Geld. Auch weil es kaum Alternativen zu Aktien gibt, steigen die Börsen teilweise wieder.

Wie sollten Anleger sich jetzt aufstellen?

Grundsätzlich gilt es natürlich zu beachten, dass sich die Krise noch etwas länger hinziehen kann. Man weiß nicht genau, wie lange die Restriktionen noch dauern und wie lange die Wirtschaft dann braucht, bis sie wieder das Niveau von vor der Krise erreicht. Manche Analysten sprechen von Ende 2021, manche auch erst vom Jahr 2022.

Das zeigt, Prognosen sind oft aufschlussreich, aber auch schwierig zu treffen. Man kann sie als Indikator nehmen, darf sich aber nicht vollkommen darauf verlassen.

Der Chefanlagestratege der Deutschen Bank erklärt, es sei aktuell sehr schwierig zu sagen, ob Aktien zu teuer sind oder nicht. Unterschiedliche Indikatoren würden unterschiedliche Bewertungen ergeben. Aber: „Die Differenz zwischen Wachstumsaktien und zyklischen Value-Aktien sind noch stärker geworden als vorher”, sagt Dr. Ulrich Stephan. Viele Value-Zykliker seien jetzt billig.

Und abschließend sagt Dr. Ulrich Stephan: „Kurzfristig wäre ich noch etwas vorsichtig. Es wird vorerst noch schlechte Daten geben. Mit Blick auf den Herbst und das Jahresende wäre ich optimistischer.” Welche Aktiengattungen und welche speziellen Branchen jetzt besser performen könnten als andere, davon berichtet der Experte im Podcast “PERSPEKTIVEN To Go”.

Fotoquelle: Photo by Bit Cloud on Unsplash

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