Die Europäische Zentralbank (EZB) hat eine neue Chefin: Christine Lagarde entscheidet ab sofort über die Geldpolitik im Euroraum. Was würde es für Verbraucher und Anleger bedeuten, wenn Lagarde an den Niedrigzinsen festhält?

Seit mehr als drei Jahren hält die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins auf null Prozent. Das heißt, dass sich Geschäfts- und Notenbanken zum Nulltarif bei ihr Geld leihen können. Das gab es im Euroraum noch nie – und ein Ende der Niedrigzinspolitik ist immer noch nicht in Sicht. Dabei warnen renommierte Ökonomen vor verheerenden Folgen für Sparer, Verbraucher und Anleger.

Der Staat gehört zu den Gewinnern

Aber der Reihe nach: Es gibt nämlich auch Gewinner der Niedrigzinspolitik, nämlich die Schuldner. Und wer sind die größten unter ihnen? Richtig, die Staaten! Sie leihen sich am Finanzmarkt Geld von Investoren, indem sie Staatsanleihen ausgeben. Im Gegenzug bekommen die Investoren dafür von ihnen Zinsen.

Durch die anhaltende Niedrigzinspolitik der EZB sind diese Zinsen in Europa auf ein Rekordtief gefallen. Vor der Finanzkrise musste Deutschland noch mehr als vier Prozent Zinsen auf seine Staatsanleihen bezahlen – heute sind es sogar weniger als null Prozent! Dadurch spart die Bundesrepublik eine Menge Geld. Die kumulierte Zinsersparnis auf deutsche Staatsanleihen betrug zwischen 2007 und 2018 satte 368 Milliarden Euro. Das heißt: Deutschland hat durch die Niedrigzinsen seitdem einen kompletten jährlichen Bundeshaushalt gespart. Doch was der Staat gewinnt, verlieren die Sparer.

Sparer und Verbraucher sind die Verlierer

Schon jetzt werden Kleinsparer im Euroraum schleichend enteignet, weil sie kaum noch Zinsen von den Banken bekommen. Die Inflation frisst ihre Ersparnisse heimlich, still und leise auf. Nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Gunther Schnabl wird die Niedrigzinspolitik der EZB deutsche Sparer noch lange belasten. „Sparer müssen damit rechnen, dass sie auf dem Sparbuch auf Jahrzehnte hinaus keine Zinsen mehr erhalten werden“, schreibt der Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig in einem Gastbeitrag für das Nachrichtenmagazin FOCUS.

Für Sparer bedeuten die anhaltenden Niedrigzinsen, dass andere Formen der Geldanlage attraktiver werden, weil sie eine höhere Rendite versprechen. Zum Beispiel Aktien, ETFs oder Immobilien.

Außerdem sind in Folge des billigen Zentralbankgeldes die Immobilienpreise in deutschen Städten stark angestiegen – im Schnitt um 5,7 Prozent pro Jahr. Das hat vor allem für junge Familien negative Folgen. Für sie wird es immer schwieriger, ein Eigenheim zu finanzieren.

Aus diesen Gründen befürchtet Ökonom Schnabl, dass die ultralockere Geldpolitik zu „wachsenden gesellschaftlichen und politischen Spannungen“ führen wird. Auch der Chef der Deutschen Sparkassen, Helmut Schleweis, übte in einem offenen Brief an Ex-EZB-Chef Mario Draghi harsche Kritik. Die Niedrigzinsen würden „schrittweise Europa, Deutschland und das Leben von Millionen Menschen – nicht zum Guten, sondern langfristig zum Schlechten“ verändern. Schleweis weiter: „Wer kann, flüchtet mit seinem Geld in Immobilien. Deren Preise und Mieten steigen. Die Altersvorsorge für Millionen Menschen schmilzt wie Schnee in der Sonne. Sozialversicherungen, Pensionskassen und Stiftungen verlieren jeden Tag viel Geld und damit Leistungsfähigkeit.“

Das mahnende Beispiel: Japan

Wie sich anhaltend niedrige Zinsen auswirken, lässt sich in Japan beobachten. Die Zentralbank in Tokio hält den Leitzins seit zwei Jahrzehnten auf einem sehr niedrigen Niveau. Mit dieser ultalockeren Geldpolitik wollte die Notenbank ursprünglich die Konjunktur nach einem Aktiencrash wieder ankurbeln – ganz ähnlich wie die EZB heute. Doch selbst, als das geschah, blieben die Zinsen in Japan dauerhaft im Keller. Das heißt, dass sich die japanische Regierung billig verschulden konnten. Und das tat sie. Seit 1990 ist die Staatsschuldenquote in Japan so von 67 Prozent auf 246 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen – mehr als in jeder anderen Industrienation. Das nichtsdestotrotz bescheidene Wachstum wurde durch die Notenpresse finanziert. Der Staat und die Wirtschaft wurden sozusagen abhängig vom billigen Geld.

Für die Verbraucher hatte das negative Folgen. Denn der Nullzins setzt übliche marktwirtschaftliche Dynamiken außer Kraft. Die billigen Kredite halten Firmen am Leben, die unter normalen Umständen nicht wettbewerbsfähig wären. Ihnen fehlt der Druck, innovative Produkte zu entwickeln und noch effizienter zu arbeiten. In Japan hatte das zur Folge, dass die Produktivität der Wirtchaft stagnierte. Doch wenn die Produktivität nicht zulegt, könnten auch die Löhne der Beschäftigten nicht mehr steigen. Deshalb sind die Löhne in Japan seit 1998 gesunken. Man spricht in diesem Fall von einer sogenannten Lohnrepression. Und wenn die Löhne fallen und die Zinsen auf Bankkonten niedrig bleiben, wird es für die Otto-Normal-Bürger immer schwieriger, eine Altersvorsorge aufzubauen.

Wenn Christine Lagarde ihren Kurs nicht ändert, droht Europa ein ähnliches Szenario. So sehen es jedenfalls Experten wie der Ex-EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. In einem Memorandum schreiben er und fünf weitere ehemalige Top-Natenbanker: “Als frühere Zentralbanker und europäische Bürger beobachten wir die anhaltende Krisenpolitik der EZB mit wachsender Sorge”. Ihre Botschaft: Die EZB muss dringend umsteuern und die Niedrigzinspolitik beenden.

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