Banken entdecken die Blockchain für sich: Ein internationaler Verbund um die Schweizer Credit Suisse und die Deutsche Bank entwickelt eine eigene Kryptowährung, die den Zahlungsverkehr zwischen den Finanzinstituten revolutionieren soll. Der Utility Settelement Coin (USC) ist ein Zwischenschritt zum digitalen Bargeld in Europa.

Bislang waren die Grenzen in der Finanzwelt klar abgesteckt: Auf der einen Seite standen die digitalen, unregulierten Cyberwährungen wie der Bitcoin. Auf der anderen Seite die traditionellen Finanzinstitute unter Aufsicht der Zentralbanken. Nun verschwimmen diese Grenzen. Denn jetzt entwickelt ein internationaler Bankenverbund – darunter die Deutsche Bank, Credit Suisse, UBS, Barclays, Santander und HSBC –  eine eigene Kryptowährung.

Der Blockchain-Hype erreicht die Großbanken

„Utility Settlement Coin“, kurz USC, heißt das digitale Zahlungsmittel. Seit September 2015 erforscht der Bankenverbund die Technologie. Wie der Bitcoin basiert der Banken-Coin auf der Blockchain-Technologie. Dabei handelt es sich um eine dezentrale, digitale Datenbank. Sie wird von Computern durch das Lösen komplexer Rechenaufgaben ständig fortgeschrieben. Transaktionen werden dadurch im Endeffekt sicherer, schneller und günstiger.

Die Banken sehen vor allem im Wertpapierhandel einen Nutzen für die Blockchain. Denn der Handel mit Aktien und Anleihen läuft bislang lediglich vordergründig vollautomatisiert ab. Die Strukturen im sogenannten Nachhandel zwischen Banken, Finanzdienstleistern und Börsen sind dagegen weitaus altgedienter. Genau hier soll das digitale Geld helfen. Mit Hilfe der Blockchain können Banken künftig beispielsweise den Besitz von Wertpapieren sofort übertragen und damit finanzielle Risiken minimieren. Außerdem werden die Kosten und der Zeitaufwand der Transaktionen massiv gesenkt. Derzeit befindet sich der Utility Settlement Coin in der Pilotphase.

Der Banken-Coin ist keine Parallelwährung

In einem Punkt unterscheidet sich der Banken-Coin fundamental von Bitcoin: Er ist vollständig durch Geldreserven bei den Zentralbanken gedeckt. Eine Einheit einer USC soll eins zu eins mit Währungen wie Euro, US-Dollar, Pfund oder Schweizer Franken hinterlegt werden. Somit könnten die Banken die Utility Settlement Coins dazu nutzen, um gegenseitige Zahlungen in verschiedenen Währungen durchzuführen.

„Krypotwährungen wie Bitcoin und Ethereum werden bereits in Sekundenschnelle über die Blockchain transportiert. Mit Fiat-Geld, wie Euro oder Dollar, geht das bislang noch nicht“, analysiert Philipp Sandner. Er ist Leiter des Blockchain Centers an der Frankfurt School of Finance & Management.

In diesem Sinne ist USC ein Zwischenschritt hin zu vollständig digitalen Staatswährungen. „Die große Vision ist das digitale Zentralbankgeld“, erklärt ein Sprecher der Deutschen Bank. Bis es in den großen Industrienationen dazu kommt, könnten noch Jahrzehnte vergehen. Die Großbanken wollen jedoch schon heute von den Vorteilen der Kryptowährung profitieren, um ihre Geschäfte effizienter zu machen.

An eine Abschaffung des Bargeldes durch den USC glaubt Blockchain-Experte Philipp Sandner nicht. Viel eher werde der Banken-Coin unsichtbar für den Kunden im Hintergrund des Finanzwesens wirken. Dennoch beobachtet er eine zunehmende Entwicklung hin zur Digitalisierung des Geldsystems. So hat das sozialistisch regierte Venezuela als erster Staat eine Kryptowährung (“Petro“) als offizielles Zahlungsmittel eingeführt. Die schwedische Zentralbank will 2019 über die Einführung einer Digitalwährung namens eKrona entscheiden. Auch die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank erforschen Technologien zur Einführung von Kryptowährungen.

Die Digitalisierung des Geldes beginnt

Mit ihrer eigenen Kryptowährung geht es den Großbanken deshalb auch darum, bereits heute einen Marktstandard für digitale Zahlungsmittel einzuführen. Schließlich könnte digitales Geld, auf das jeder Bürger direkt bei der Zentralbank zugreifen kann, ihr Geschäftsmodell perspektivisch gefährden. Derzeit befindet sich die Bankengruppe in Gesprächen mit Zentralbanken, um den USC europaweit einzuführen. Über das Volumen und den Zeitpunkt der Markteinführung macht der Bankenverbund bisher keine Angaben.

Die Initiative der Großbanken zeigt: Die Ideen hinter dem Bitcoin sind längst im Finanz-Mainstream angekommen. Doch bei der Umsetzung von digitalen Innovationen tun sich insbesondere deutsche Unternehmen weiterhin schwer, kritisiert Wirtschaftswissenschaftler Sandner: „Deutschland muss dringend mehr in die Blockchain investieren. Nur ganz wenige Dax-Konzerne tun da aktuell genug.“ Vor allem in Asien seien Unternehmen bei dieser Technologie bereits viel weiter. Die deutsche Wirtschaft müsse aufpassen, im internationalen Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren.

Der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, scheint sich dieser Gefahr durchaus bewusst zu sein. In einer Rede vor dem Deutschen Medienkongress 2018 in Frankfurt warnte er: „Wer einfach weiter arbeitet wie bisher, wird keine Zukunft mehr haben.“ Der Utility Settlement Coin könnte für die Bank der erste Schritt in eine neue Zukunft sein.

 

 

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