Wenn ihr im Urlaub in Italien, Spanien oder der Türkei mit Menschen über Deutschland sprecht, habt ihr solche Sätze bestimmt schon gehört: Die Deutschen trinken gerne Bier, sind sehr pünktlich und vor allem anderen sparsam. Doch was ist überhaupt dran an diesem vermeintlichen Klischee? Die Kleingeldhelden liefern die Antwort – mit einer kleinen Geschichtsstunde zum Thema Sparen in Deutschland.

Das Bild der sparsamen Deutschen ist in der ganzen Welt verbreitet. Tatsächlich ist die Sparquote der Deutschen hoch (9,9%), aber nicht einmal die höchste in Europa – hier liegen die Schweizer deutlich vorne. Bemerkenswert ist jedoch die Konstanz, mit der die Bundesbürger Jahr für Jahr etwa ein Zehntel ihres Einkommens zurücklegen – und das am liebsten als Geldanlage auf verzinsten Sparkonten, anstatt in Aktien und Anleihen.

Dabei hat das Sparen in Deutschland nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine moralische Qualität. Wer spart, der gilt als fleißig, vernünftig und vertrauenswürdig. „Sparen ist eine Tugend“, sagte schon der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer. Seine Nachfolgerin Angela Merkel erhob die schwäbische Hausfrau inmitten der Staatsschuldenkrise in Europa gar zum Vorbild ihrer Politik: „Sie hätte uns eine Lebensweisheit gesagt: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben“.

Der deutschen Sparsamkeit auf der Spur

Doch wo liegen die Wurzeln der legendären deutschen Sparsamkeit? Dieser Frage widmet sich aktuell eine Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin, die noch bis zum 4. November 2018 zu sehen ist. Sie zeigt die Geschichte des Sparens in Deutschland – mit historischen Plakatmotiven, Sparbüchsen aus der Kaiserzeit und Gründungsurkunden deutscher Sparkassen. Wer den empfehlenswerten Rundgang durch die Ausstellung macht, dem wird bewusst, dass ein enger Zusammenhang zwischen Sparsamkeit und Krieg besteht. Und von letzteren erlebte die leidvolle deutsche Geschichte viele. Schon im Dreißigjährigen Krieg vergruben Menschen im heutigen Bayern ihre Silbermünzen in der Erde, um sie vor Plünderungen feindlicher Truppen zu bewahren.

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Ausstellung “Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend” © DHM/Siesing

Eine feste Institution wurde das Sparen Ende des 18. Jahrhunderts: In Hamburg gründeten Bürger 1778 die erste Sparkasse des Landes. Das Motiv: Geld sparen, um der Gemeinschaft zu helfen und der Armut zu entfliehen. Die Sparkasse wurde ein Erfolgsmodell, das sich in den kommenden Jahren in vielen deutschen Kommunen ausbreitete.

In beiden Weltkriegen wurde das Sparen von staatlicher Seite aus zur Pflicht für die Nation erhoben. Schließlich wurden die Feldzüge der Wehrmacht vor allem durch Kriegsanleihen finanziert. Die Propaganda der Nationalsozialisten stellte die Sparsamkeit als eine urtümliche Eigenschaft des deutschen Volkes dar: „Deutsche Art bewahrt, wer arbeitet und spart“, heißt es auf einem Faltblatt aus dem Jahr 1938.

Tugend, Propaganda, Trauma

So prägte sich der Hang zum Sparen nach und nach in die Identität der Deutschen ein. Erklären lässt sich das auch durch die traumatische Erfahrung der Hyperinflation in den 1920er-Jahren. Die Geldentwertung in Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg so massiv, dass im November 1923 ein S-Bahn-Ticket in Berlin so viel kostete wie die gesamten deutschen Kriegsschulden wenige Jahre zuvor: 150 Milliarden Mark. Die Deutschen sparten auch danach unbeirrt weiter. Die Sparsamkeit wurde zu einem „Habitus“, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu eine Grundhaltung des Menschen zu seiner Umwelt und sich selbst beschrieb. Das Sparen gab den Deutschen das Gefühl von Sicherheit in unsicheren Zeiten; es stand angesichts einer ungewissen Zukunft für Kontinuität. Die Deutschen sparten sozusagen gegen ihre eigene Angst an.

Durch den wirtschaftlichen Wiederaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Konsumsparen immer wichtiger. Das Versprechen der Industrie und der Banken an den wachsenden deutschen Mittelstand lautete: Der Traum von Urlaub, Auto und Fernseher ist zum Greifen nahe – alles, was es dafür brauche, sei ein wenig Sparsamkeit. Auf die Spitze trieb es der bekannte Werbeslogan eines Elektronikfachmarktes: „Geiz ist geil“.

Jetzt wissen wir also, wie das Sparen zu einer deutschen Tugend wurde. Doch selbst Tugendhaftigkeit wird finanziell gesehen nicht unbedingt belohnt. Gerade in Zeiten von niedrigen Zinsen und steigender Inflation ist es nicht nur wichtig, zu sparen, sondern richtig zu sparen. Wie das geht, zeigen wir euch beispielhaft Woche für Woche in unserer 25-Euro-Challenge.

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