Alles deutet darauf hin, dass Europas oberster Banker Mario Draghi die Mission Zinswende 2018 einleiten wird. Die höheren Zinsen im Euroraum werden zu Verwerfungen an den Finanzmärkten führen, Unternehmen werden pleitegehen – aber für Anleger ergeben sich wieder ganz neue Möglichkeiten.

Warum die Zinsen historisch niedrig sind

Seit nunmehr zehn Jahren erleben wir in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika eine Phase der niedrigen Zinsen. Grund dafür war der Einbruch der Weltwirtschaft in Folgen der Banken- und Finanzkrise 2007. Um das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln, senkten die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ihren Leitzins auf null Prozent. Das bedeutete, dass sich Geschäftsbanken Geld von den Zentralbanken kostenlos leihen konnten. Ziel dieser Geldpolitik war es, den kollabierten Finanzmarkt durch die Vergabe von günstigen Krediten an Unternehmen wiederzubeleben.

Während die Zinsen im Euroraum seitdem jedoch bei Null verblieben sind, hat die amerikanische Fed eine Zinswende eingeleitet. Sie erhöht ihren Leitzins seit 2017 in Trippelschritten. Der neue Fed-Chef Jerome Powell treibt wie seine Vorgängerin Janet Yellen die behutsame Abkehr von der Politik des billigen Geldes voran. Das birgt einerseits Gefahren: Der Höhenflug am US-Aktienmarkt könnte zum Ärger von US-Präsident Donald Trump durch die Zinsanhebung deutlich eingetrübt werden. Andererseits könnten die negativen Effekte höherer Zinsen durch die konjunkturbelebende Wirkung der US-Steuerreform ausgeglichen werden. Mittlerweile betragen die Leitzinsen in den USA bereits wieder 1,38 Prozent. Das ist noch nicht sehr viel, aber deutlich mehr als die 0,00 Prozent in der Eurozone. Experten rechnen damit, dass die US-Notenbank den Leitzins in diesem Jahr noch mindestens dreimal erhöhen wird.

Warum die Zinswende 2018 kommt

So wie sich jenseits des Atlantiks ein langsames Ende der Niedrigzinspolitik abzeichnet, darf sich Europa auf die Zinswende 2018 einstellen. “Es ist höchste Zeit, die extrem lockere Geldpolitik zu beenden”, sagt Jörg Krämer, Chefsvolkswirt der Commerzbank. Der Ökonom analysiert weiter: “Dies gilt umso mehr, als die Nebenwirkungen der Niedrigzinsen immer deutlicher werden. So nimmt die EZB mit ihrer Politik Druck von hoch verschuldeten Ländern wie Italien, endlich überfällige Reformen anzugehen und ihre wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Außerdem treiben die Negativzinsen die Vermögenspreise.”

Deswegen muss EZB-Chef Mario Draghi endlich die Zinsen anheben. Bislang tat er das nicht, weil zu viele europäische Staaten hochverschuldet sind und sich durch die Nullzinspolitik billig Geld verschaffen konnten. Hätte der italienische Banker diese Politik nicht so gefahren, wären zahlreiche Euroländer – unter anderem Italien – bereits pleite gewesen. Zudem nahm die EZB durch den Ankauf von Staatsanleihen – das sogenannte OMT-Programm – Druck von den Krisenstaaten. Mittlerweile hat sich die Wirtschaft im Euroraum jedoch deutlich erholt. Das Wachstum lag im Jahr 2017 laut IWF (Internationaler Währungsfonds) durchschnittlich bei 2,4 Prozent. Eine Zinswende der Europäischen Zentralbank ist der logische nächste Schritt dieser Entwicklung.

Was die Zinswende für uns bedeutet

Niedrige Zinsen sind gut für die Wirtschaft, weil sie die Kreditvergabe ankurbeln und somit die Inflation. Sie sind aber gleichzeitig auch schlecht, weil dadurch Sparbücher, Lebensversicherungen und viele weitere Finanzprodukte kaum noch Rendite abwerfen. Außerdem sind sie gefährlich, weil man die Zinsen im Falle einer erneuten Wirtschaftskrise nicht weiter senken kann.

Werden die Zinsen in der Eurozone angehoben, sollte sich das auf viele Produkte durchschlagen: Es wird mehr Zinsen auf Tagesgeldkonten, Sparbücher und Festgeld geben. Das ist positiv für Sparer. Staatsanleihen werden höhere Renditen abwerfen, aber Aktien werden etwas an Attraktivität verlieren. Das hat den einfachen Grund, weil andere Anlagemöglichkeiten rentabler werden. Doch für verschuldete Personen sind höhere Zinsen nicht gut. Sie müssen jetzt höhere Zinsraten zurückzahlen, auch wenn das am Anfang noch nicht dramatisch ausfallen wird.

Höhere Zinsen sind nicht nur für verschuldete Staaten, sondern auch für  Unternehmen unvorteilhaft. Der Bonitätsprüfer Creditreform hat sich in einer Analyse damit beschäftigt, welche Folgen eine Erhöhung der Zinsen auf deutsche Unternehmen hätte. Das Ergebnis: Sollten die Zinsen für die Unternehmensfinanzierung um drei Prozentpunkte steigen, könnte fast jedes fünfte deutsche Unternehmen (19,3 Prozent) seine Zinslast nicht mehr aus den laufenden Einnahmen bezahlen. Für die deutsche Wirtschaft wäre das eine große Belastung.

Noch hält die EZB an ihrer Nullzinspolitik fest. Doch das Finanzsystem kann nicht ewig mit diesen niedrigen Zinsen leben. Mario Draghi weiß das. Und deshalb wird die Zinswende 2018 kommen. In einem ersten Schritt könnte die EZB ihre Staatsanleihenankäufe im Herbst 2018 beenden und den Leitzins daraufhin moderat anheben. Wirklich hohe Zinsen in Europa werden wir vor 2020 allerdings nicht sehen.

 

 

Autor*in